„Mir sinn die Joode“

Seit Akif Pirinçci die verbale Sau durch die Republik treibt, finden sich immer mehr Freunde der vulgären Ausdrucksweise. Sich mal so richtig auskotzen zu können, ohne Rücksicht auf andere und unter dem Banner der Wahrheit und der (Meinungs-)Freiheit, macht ihnen große Freude.

Anstand in der Wortwahl ist was für Opfer. Bevorzugte Objekte der sprachlichen Incorrectness, die sie für einen Protest gegen eine angebliche Meinungsunterdrückung halten, für einen Widerstand gegen den staatlich gesteuerten Mainstream, Staatsmedien und eine linksgrünversiffte Laberdemokratie, sind neben „Armutsflüchtlingen“, „Sozialschmarotzern“, „Zigeunern“, „Negern“ und „Museln“ gerne auch mal „Gutmenschen“. Die Vorgenannten sind nämlich der Untergang Deutschlands und der Deutschen. Muss man wissen, wusste mal wieder keiner.

Zum Pöbeln gehört kein Mut

Der Anti-PC-Verein, dem es angeblich so darum geht, „Werte“ zu erhalten, fällt bisher allerdings nur durch primitives Gelaber und die Verbreitung von Unwerturteilen bezüglich anderer Menschen, nicht aber durch konkretes Tun auf. Vielleicht auch gut so. Wer weiß, was die anrichten würden, wenn sie ihren Arsch vom PC wegbekämen. So erfreuen sich Autoren wie Sarrazin und Pirinçci und jede Menge aufgeregte Kopp-Schreiber einer großen Fangemeinde, verkaufen viele seltsame Bücher und ihre Fans verbreiten den Stoff aus dem die teutonischen Träume sind mit wachsender Begeisterung. Oft mit noch drastischeren Worten als die Brandstifter selbst. Das wird dann auch gerne mal „gesunder Menschenverstand“ oder „Mut zur Wahrheit“ genannt, obwohl in einem Land, in dem Meinungsfreiheit herrscht, wenig Mut dazu gehört, ordentlich herumzupöbeln und zum Hass aufzustacheln.

Auf der anderen Seite des Spektrums stehen die von den Gnadenlosen verachteten Gutmenschen. Die, die nicht einsehen wollen, dass es Menschen erster und zweiter oder gar dritter Klasse geben soll. Die die Welt zwar auch nicht mit der rosaroten Brille sehen, sie aber auch nicht durch die braune Brille ins Klo spülen wollen. Und wissen Sie was? Die reden nicht nur anders über andere Menschen, die fordern nicht nur Leistungen der Politik. Die machen was. Selbst. Auf eigene Kappe. Einfach so.

Einer dieser Gutmenschen ist Lilo Langen aus Bad Münstereifel. Vor Jahren war sie als Touristin in Tansania, verliebte sich in das Land, sah aber schnell, dass es dort jenseits der feinen Touristenrouten ziemlich finster aussah. Ein Fremdenführer, der die Essensreste der Touristen aufsammelte, um sie zur Ernährung seiner Familien mitzunehmen, Kinder, die an Krankheiten sterben, über die man hier nur noch müde lächelt, wie Masern oder Diphtherie. 60.000 Malaria-Tote jährlich alleine in Tansania. Unsere politisch inkorrekten Laberkasper würden das natürlich auf die Unfähigkeit der dummen „Neger“ zurückführen und für den ein oder anderen mag auch nur ein toter „Neger“ ein guter „Neger“ sein. Es gibt auch welche, die Ebola für ein göttliches Entvölkerungsprogramm halten und vehement dagegen sind, erkrankte Ärzte und Pfleger in Europa zu behandeln. Aber das sind ja auch keine Gut-, sondern offenbar bekennende Schlechtmenschen.

„Kumm loss mer fiere, net lamentiere“

Die Architektin laberte dann aber eben nicht über die Ungerechtigkeit der Welt, sondern sie machte. Sammelte erst mal Geld bei Freunden, steckte jede Menge eigenes Geld dazu und gründete einen Verein. Baute Brunnen, stattete einen Schulraum mit Bänken für die Schüler aus und half auch selbst vor Ort, wann immer sie konnte. Nicht als „weiße Gönnerin“, sondern als Aufbauhelferin, die ganz konkrete Projekte vor Ort unterstützt und mit den Ortsansässigen zusammenarbeitet. Manchmal sechs Monate am Stück. Auf eigene Kosten.

Für ihr aktuelles Projekt, eine Krankenstation, wird noch eine schöne Stange Geld gebraucht. So um die 40.000 Euro. Und was macht der rheinländische Gutmensch, wenn er Kohle sammeln will? Er trommelt andere Gutmenschen zusammen und feiert ein rauschendes Fest. In einem Höhner-Song heißt es treffend „Kumm loss mer fiere, net lamentiere“ (Komm lass uns feiern, nicht lamentieren).

Damit da ordentlich was an Menschen und Geld zusammenkommt, feiert man am besten mit richtig guten Musikern. Da kam Nachbar Hannes Schöner ins Spiel. Den kennt man hier auch als Höhner-Hannes. Nein, kein hechelnder Hühner-Bauer aus „Bauer sucht Frau“, sondern ein Mitglied der kölschen Gruppe Höhner, die sich seit Jahren als notorische Gutmenschen geoutet haben und nicht nur bei „Arsch Huh“-Veranstaltungen gegen Rassismus, sondern auch bei Aktionen wie BIRLIKTE immer mit dabei waren. Der Hannes und ein weiteres „Hohn“, Jens Streifling, organisierten den Rest der Musiker. Und so standen sie am Freitagabend, dem 17.10.2014 vor ausverkauftem Haus auf der Bühne. Peter und Stephan Brings, Bastian Campmann und Flo Peil von der Kölner Band Kasalla, Hans Peter Salentin, ein Jazztrompeter von internationalem Format, die irrsinnige Querbeat Brass & Marchingband, Drummer Wolf Simon, Gitarrist Hermann Heuser, der Kinderchor „Wilmas Pänz“ und noch viele andere Musiker, die wissen, was sie tun. Für den erkrankten Tommy Engel sprang spontan erst am Probentag LSE-Mitglied Arno Steffen ein.

Ich hatte Gelegenheit, mit Lilo Langen und einigen der Musiker am Donnerstag bei der Probe zu sprechen.

Ein paar O-Töne:

Lilo Langen: „Mein Wunsch ist es, ein Projekt, aktuell eine Ambulanz, in einer Region Nähe Arusha (Tansania), nachhaltig bauen zu können. Das heißt hier, parallel soll z.B. eine Hühnerfarm errichtet werden, mit dem Verkauf der Eier soll die Nachhaltigkeit gewährleistet werden. Die Ressourcen, hier Windkraft und Solarenergie, wollen wir nutzen, um unabhängig zu sein. Wir möchten eine Gynäkologie und eine Radiologie einrichten können, um die hohe Kindersterblichkeit in dieser Region zu reduzieren. Hierfür bedarf es eine Menge Sponsoren für den guten Zweck zu finden. Ein Anfang ist gemacht. Persönlich wünsche ich mir, für mich selbst, eine Stiftung zu finden, die mir eine Dauerstellung für die Entwicklungshilfe in Tansania anbietet.“

Hans Peter Salentin: „Wenn jemand ein zielgerichtetes, sinnvolles Projekt so engagiert angeht wie Lilo Langen, dann bin ich gerne mit dabei, gerade wenn es hier vor meiner Haustür stattfindet. Wenn so ein Engagement für ein Projekt in Tansania kritisiert wird, weil es z.B. auch in Deutschland Not gibt, dann sollen die Kritiker mir selbst ein Projekt vorschlagen. Ich würde dann darüber nachdenken, ob ich da auch mitmache.“

Arno Steffen auf die Frage, wieso er so kurzfristig für Tommy Engel eingesprungen ist: „Wir Kölner Musiker kennen und wir helfen uns. Und wenn es darum geht, was für Schwächere zu tun, halten wir alle zusammen. Hier sind ja viele ,Arsch Huh‘-Musiker dabei und wir bemühen uns, den ,Arsch Huh‘- Gedanken immer weiter zu verbreiten.“

Hannes Schöner: „Wir bekommen zwar nicht täglich, aber mindestens wöchentlich eine Anfrage für Wohltätigkeitsveranstaltungen. Die können wir natürlich nicht alle machen. Mit den Höhnern haben wir z.B. seit vielen Jahren ein Obdachlosenprojekt in Köln unterstützt, bei dem Berber für kleines Geld ein komplettes Menu bekommen können. Aber auch sonst helfen wir, wo wir können. Hier war es ganz einfach. Lilo Langen ist meine Nachbarin und sie brauchte Hilfe für die geplante Krankenstation. Die anderen Musiker waren spontan bereit, mitzumachen.“

Jens Streifling: „Ich freu’ mich auf morgen. Mit so tollen Musikern zusammen auf der Bühne zu stehen, ist einfach Wahnsinn. Alle haben ihre Zusage für unser Afrika-Konzert gegeben und wir hoffen, dass viel Geld für die Krankenstation in Tansania zusammenkommt. Schön ist, dass es Freunde gibt, die in so wichtigen Momenten zu uns stehen.“

Ja, der berüchtigte Kölsche Klüngel (Wir kennen und, wir helfen uns) kann auch was Gutes haben. Unbürokratische schnelle Hilfe, gepaart mit der Lust an Musik und Feiern. Helfen muss nicht mit pathetischer Trauermiene verbunden sein, Helfen kann richtig Spaß machen. Und „Echte Fründe ston zesamme“.

Vielleicht sollten die notorischen „Neger“-Hasser ihre Köpfe – falls möglich – einfach mal zum Denken verwenden und meinetwegen auch ganz eigennützig einsehen, dass diese Vereinigung von Gutmenschen wirklich was Gutes tut, wenn sie den Menschen in Tansania konkret vor Ort Unterstützung anbietet, damit die in ihrer Heimat wirklich leben können. Dass es mit relativ wenig Geld möglich ist, dass die Menschen dort nicht an für uns harmlosen Krankheiten verrecken müssen. Dass es vielleicht auch für Europa besser sein könnte, wenn die Menschen in Afrika sehen, dass es auch Weiße gibt, die sie nicht hassen und verachten, sondern ihnen vor Ort bei der Bekämpfung von Not und Krankheit beistehen. Dass man die Probleme vor Ort gemeinsam angehen kann, wenn man nur will. Sie müssen ja nicht gleich selbst nach Afrika fahren, aber vielleicht überweisen sie einfach mal einen anständigen Betrag an Lilo Langens Verein.

Von Hanns Joachim Friedrichs stammt das Zitat, ein Moderator solle „sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mit einer guten, nicht in öffentliche Betroffenheit versinken, im Umgang mit Katastrophen cool bleiben, ohne kalt zu sein“. Wie schön, dass ich kein Moderator bin. Mit diesen „Gutmenschen“ mache ich mich gerne gemein, auch auf die Gefahr hin, wieder mal als „lamentierender Lump“ beschimpft zu werden.

Zum Abschied meinte Arno Steffen noch zu mir: „Mir sinn die Joode“. Kann schon sein.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Heinrich Schmitz: Darf ich Ihnen dazu eine Frage stellen!

von Heinrich Schmitz
18.10.2014